Zollikon

«Weiter Theater spielen – bis ich umfalle!»

Bretter bedeuten ihr die Welt: der Zolliker Schauspielerin Dinah Hinz. (Bild: zvg)

Am 14. Februar ist Dinah Hinz 85-jährig geworden. Und ist noch immer mit Leidenschaft Schauspielerin, zuletzt  im Stück «Die Physiker» von Dürrenmatt in der Rolle als Irrenärztin. Ein Geburtstagsbesuch bei der umtriebigen kleinen Frau.

Strahlend steht sie vor der Tür und empfängt mich, lässt mich ein in ihr Reich. Die Wohnung ist voll von Bildern, Büchern, Erinnerungen, Blumensträussen. «Tee, Kaffee?» fragt sie, «das Wasser ist bereits vorgekocht. Mögen Sie Quarkkuchen?»

Und schon sitzen wir in der Stube mit grossen Fenstern auf eine Wiese und die Häuser am Waldrand. «Ach, diese Welt», sagt sie, «sie macht mir schon grosse Sorgen. Nur schon, dass mich die Ohnmacht vor der zunehmenden Gewalt so hilflos macht! Nie hätte ich das gedacht, dass so schnell so viel Positives wieder kaputt geht.» Und sie erzählt, wie sie im letzten Sommer mit Tochter und Enkelin auf Lesbos in den Ferien war und sie dabei zufällig mit jungen Syriern aus dem Flüchtlingslager in Kontakt gekommen sind. «Es tönt ja fast lächerlich im Vergleich», sagt sie, «aber 1944, gegen Ende des Krieges, mussten wir vor der russischen Armee aus Berlin fliehen. Ich habe nie vergessen, wie sich das anfühlte: alles zurückzulassen in Feuer und Asche, vertrieben zu werden in eine ungewisse Zukunft und nirgends willkommen zu sein. Aber ich flüchtete damals mit meinen Eltern innerhalb Deutschlands, durfte die eigene Sprache und Kultur behalten.» Sie konnten den Flüchtlingen ein wenig helfen: englische Wörter abfragen, Karten spielen, die Handynummern tauschen, um im losen Kontakt zu bleiben. «Ein kleines Tröpfli auf den heissen Stein», sagt Dinah Hinz und es tönt lustig, wie sie nicht Tröpfchen, sondern Tröpfli sagt.

Mit Familien und Freunden

Doch weg von der Welt ins Private. «Wie feiern Sie jeweils Geburtstag?» frage ich. «Wenn ich nicht gerade Vorstellung hatte oder mir Tochter und Enkelin eine Überraschungsparty schenkten, bin ich immer abgehauen», lacht sie verschmitzt, «und verbrachte diesen Tag irgendwo, wo es schön und warm war. Doch dieses Jahr ist damit Schuss. Ich feiere hier mit Familie und Freunden.» Mithilfe von Tochter und Enkelin hat sie den Chramschopfsaal selbst dekoriert und zu libanesischen Mezze geladen. «Es ist wie bei einer Premiere», sagt sie, «Angst und Vorfreude vermischen sich, wenn ich daran denke.»

«Und mit dem Älterwerden haben Sie sich angefreundet?» frage ich nach. «Jein», antwortet sie, «ich glaube, Kästner hat mal so was gesagt wie ‘≤85 ist die letzte Hürde auf dem Weg zum Erwachsen werden’, aber ich weiss nicht, ob ich diese Hürde überhaupt nehmen will.» Sie überlegt länger, fügt dann an: «Nein, eigentlich nicht. Erwachsene, so dünkt mich, müssen oft rational sein. Staunen liegt nicht in ihrem Plan und so haben sie dazu auch nie Zeit. Ich möchte mir das Über-vieles-staunen-Können unbedingt erhalten!»

Doch es gibt schon Dinge, so bereden wir weiter, die sich während eines langen Lebens verändern. Die Gestaltung des Alltags  zum Beispiel. Strukturierte früher der Beruf den Tagesablauf von Dinah Hinz genau, ist sie heute viel öfters frei, sich den Tag selbst einzuteilen. Das fällt ihr oft nicht leicht. «Ich bemühe mich zwar, mir eine Struktur zugeben», sagt sie, «doch ich muss zugeben, dass ich ein lausiges Zeitmanagement habe. Immer wieder kommt mir etwas dazwischen und oft ist es schneller Abend, als dass ich meine morgendlichen Vorsätze hätte umsetzen können.» Da sie allein lebe, mahne sie niemand – dies sei Vor- und Nachteil. Oft sei es ja auch völlig egal, ob sie etwas heute oder morgen erledige. «Allzu oft sollte man sich das aber nicht leisten», fügt sie hinzu.

Lachen über sich selbst

Auch die Tatsache, dass im Alter öfters kleine Fehler passieren, ist so ein Ding, das sich einschleicht. Aber auch, dass man je länger desto leichter über sich selber lachen kann. Wenn sie mit dem Fuss am Stuhlbein hängen bleibt. Der Stuhl dann fällt, damit den Papierkorb umstösst, etwas herausrollt, sie sich bücken muss, den Kopf am Tisch anstösst und die Blumenvase kippt. «So Sachen» sagt sie, gehörten halt dazu. «Wie in einem Slapstick komme ich mir manchmal vor! Da hilft nur Humor!»

Oder Dinge, die man im Nachhinein anders sieht, anders machen würde?
«Ich würde mich aus heutiger Sicht besser vernetzen», sagt Dinah Hinz, «jung dachte ich immer, ich müsse alles alleine schaffen, keine Beziehungen nutzen. Mich immer neu beweisen. Das, denke ich, stimmt nicht so absolut. Ich habe im Laufe der Zeit den Wert der Vernetzung erkannt und würde mein Netzwerk von früh an besser pflegen.»

Und Dinge, die besser werden? «Die gibt es – zum Glück! Je älter ich wurde, desto stressfreier wurde ich. Desto mehr konnte ich es mir leisten, nicht mehr in erster Linie an Karriere und Gage zu denken, sondern das Engagement auszuwählen, das mir am besten zusagte. Eines meiner schönsten war letztes Jahr im deutschen Singen. Ich wurde angefragt für die Rolle der Irrenärztin in Dürrenmatts Stück «Die Physiker.» Das dortige Theater ist klein, aber fein. Das Stück war ein Erfolg. Doch am wichtigsten für mich war: Selten zuvor habe ich mich in einem Team künstlerisch und menschlich so aufgehoben und wohlgefühlt. Auch meine privaten Lesungen gestalte ich je länger desto stressfreier in der Auswahl der Texte. Immer schon habe ich gerne gearbeitet, doch dass die Freude noch wächst, kommt unerwartet.»

Doch noch ein Smartphone-Kurs

Neben den professionellen Auftritten sind Dinah Hinz radiohören und Kino neue Altersfreuden. Hatte sie früher eher wenig Zeit, geniesst sie diese nun sehr und sieht und hört sich vieles an. «Ausser Sport und Börsenkurse interessiert mich eigentlich alles», sagt sie, «so ist mir nie langweilig. Irgendetwas beschäftigt mich immer. Das empfinde ich als gute Energie, Neugier und Lebenslust. Trotz allem!»

Nicht blosse Freude, doch grosser Vorsatz ist der Besuch eines Smartphone-Kurses. Lange hatte sie gedacht, mit dem Computer und Smartphone müsse sie sich nicht mehr herumschlagen. Die kleinen digitalen Geräte nerven sie. Und noch immer findet sie es unverständlich, dass die Leute dauernd darauf starren, anstatt achtsam, beobachtend und offen durchs Leben zu gehen. Nun hat sie sich vorgenommen sich bei den «Senioren für Senioren» über alle Möglichkeiten dieses kleinen Wundergeräts aufklären zu lassen. Zu dumm kommt sie sich immer wieder vor, wenn sie merkt, dass sie eine Funktion nicht kennt, die für alle selbstverständlich zu sein scheint.

Ein erster Versuch im Umgang mit dem Ding war die Einladung zum gestrigen Geburtstagsfest über eine WhatsApp-Gruppe. «Halb gelungen», lacht sie über sich selbst, «denn es war mir erst nicht klar, dass alle geladenen Gäste die ganze Korrespondenz über die Einladung mitverfolgen konnten. Jeder wusste alles von jedem!»

Und mal nichts tun? «Auch das gelingt mir unterdessen ab und zu», sagt sie verschmitzt, «doch mein Temperament hat sich nicht verändert. Ich bin eher ein getriebener Mensch, als dass ich in mir ruhe. Immer kommt mir etwas in den Sinn, das ich noch tun oder wissen wollte. Ich glaube, das bleibt – bei meiner Mutter war das auch so. Damit lebe ich sehr gut.»

Ein Geburtstagswunsch zum Schluss? Sie hat deren zwei: Es möge wieder mehr Frieden und Grund zur Freude geben auf der Welt und: «Weiter Theater Spielen – bis ich umfalle!» (db)

 

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