Zumikon

Mathe, Deutsch und Swing auf dem Stundenplan

Tanzen scheint jung zu halten. Das zumindest könnte erklären, warum Susanne Schnorf mit ihren 43 Jahren mindestens zehn Jahre jünger aussieht. Dabei kommt sie zurzeit kaum noch dazu, selber über die Tanzfläche zu schweben. Seitdem sie «Dancing Classrooms» in der Deutschschweiz ins Leben gerufen hat, gibt es so viel anderes zu tun.

Kinder und Tanz: Das hat Susanne Schnorfs Leben schon immer dominiert. Nach der Matura hat sie sich zur Primarlehrerin ausbilden lassen. Tanz war damals Hobby. «Ich habe zunächst Standardtänze gemacht und mich dann in den Salsa verliebt», schwärmt Susanne Schnorf rückblickend. Diese Faszination wollte sie auch ihre Schüler und Schülerinnen spüren lassen. Kurzerhand machte sie einen Salsa- und Merengue-Workshop mit ihrer Klasse. Die Kinder waren begeistert. Eigentlich durch Zufall ist sie auf den Spielfilm «Take the Lead» mit Antonio Banderas gestossen, der den Gründer von «Dancing Classrooms» spielt. «Ich war sofort begeistert von der Idee und davon, dass Tanz so viel mehr vermitteln kann», erinnert sich die Lehrerin. Schliesslich gehe es beim gemeinsamen Tanzen auch um Respekt, Vertrauen und Sozialkompetenz. Aber wie so oft im Leben: Andere Themen drängelten sich in den Vordergrund. Die «tanzenden Klassenzimmer» gerieten erst mal in Vergessenheit. Auch, weil Susanne Schnorf sich einer anderen Aufgabe widmete. Sie stieg in Opfikon ein in die Jugendarbeit und war dort – wen wundert es – unter anderem für die «Junior-Disco» verantwortlich. Das sei spannend gewesen, aber sie habe mehr gewollt. Sie musste wieder an diese amerikanische Idee denken, den Tanz in die Schulen zu bringen. «Ich habe die amerikanische Organisation angeschrieben und angeboten, das Konzept in die deutsche Schweiz zu bringen», so Susanne Schnorf.

Kids werden selbstbewusster

In den USA war man begeistert. Susanne Schnorf flog über den grossen Teich und liess sich einarbeiten. Die einzelnen Lektionen sind genau vorgegeben. «Ich habe mir alles übersetzt. Habe die DVDs angeschaut, immer wieder angehalten, mitgeschrieben, weiter geschaut», erklärt die Tanzlehrerin. Die Schulleitung in Opfikon gab schliesslich grünes Licht, und die Premiere von Dancing Classrooms in der Deutschschweiz konnte beginnen.

Während 18 Lektionen lernen die Kinder verschiedene Tänze wie Swing, Merengue oder Tango und auch sogenannte Line-Dances. «Von Anfang an konnte ich spüren, wie das Programm das Gemeinschaftsgefühl einer Klasse stärken kann und auch, wie die Kinder selbstbewusster werden», erklärt Susanne Schnorf das Konzept. Grosses Glück hatte sie dann 2011. Sie bekam die Gelegenheit, ihre Idee bei einem Lehrerkapitel vor 300 Lehrern vorzutragen. Kurzerhand nahm sie zwölf ihrer tanzenden Kids mit und kreierte eine Show. «Daraus sind viele Anfragen und Engagements erwachsen», freut sich die Lehrerin. Ein paar Monate lang machte sie beides: Jugendarbeit und Tanz-Projekt. «Das bedeutete, dass ich in den Ferien meine Minus-Stunden aufarbeiten musste», erinnert sie sich. Im Juli 2011 fällte sie dann die Entscheidung, nur noch Dancing Classrooms zu betreuen. Sie gründete im Dezember 2011 den Verein «Dancing Classrooms Deutschschweiz», dessen Geschäftsleitung sie innehat. «Mir war klar, dass ich am Anfang noch nichts verdienen würde und von Erspartem leben musste», so Susanne Schnorf. Sie fand Unterstützung in ihrer Familie und ihrem Freundeskreis.

Jungs sind gerne Gentlemen

«Für den Tanz habe ich schon immer gebrannt. Da ist es natürlich, dass ich oft spät Feierabend habe und auch unter der Dusche über nächste Projekte nachdenke», lacht sie. Doch aus den Kinderschuhen ist Dancing Classrooms Deutschschweiz inzwischen raus: 2014 konnte Susanne Schnorf zwei Tanzlehrerinnen einstellen, letztes Jahr kamen zwei weitere dazu. Das heisst aber nicht, dass die Gründerin nur noch die Geschäftsleitungsarbeit im Büro in Zollikon macht. «Ich will auch immer noch mit den Kindern arbeiten», betont sie. Vor Ort könnte sie die Begeisterung pur erfahren. Gewisse Reaktionen seien oft ähnlich. Die Jungs sind erstaunlicherweise oft nach wenigen Lektionen tanzbegeistert und freuen sich daran, Gentleman zu sein. Die meisten Mädchen sind von Anfang an freudig dabei und müssen nicht lange überzeugt werden. Und dann gibt es die besonderen Momente. Susanne Schnorf erinnert sich an ein Mädchen, das mit seinen schulischen Leistungen nicht gerade brillierte, sich aber selbst und die anderen mit seinen tänzerischen Fähigkeiten überraschte. Beim Tanzen gehörte es zu den Besten – ein prägendes Erlebnis für das Kind.  «Auch so mancher Junge wächst plötzlich über sich heraus und geht ein bisschen grösser und stolzer von der Tanzfläche», so die Tanzlehrerin. «Viele üben ihre Schritte zu Hause, ja sogar auf dem Pausenplatz wird getanzt.» Das Highlight schlechthin ist das jeweilige Abschlussfest, mit dem ein Kurs endet. «Da spüre ich jedes Mal wieder das Kribbeln. Alle haben sich richtig in Schale geworfen, ein bisschen Lampenfieber liegt in der Luft. Einfach herrlich», schwärmt die Geschäftsleiterin. Doch sie schwelgt nur kurz in der Erinnerung. Es gibt noch viel zu tun. Zwei bis drei neue Tanzlehrer möchte sie dieses Jahr noch einstellen, auch würde sie gerne noch den Kanton Aargau «betanzen». Und ganz nebenbei gilt es, Mitglieder für den Trägerverein zu werben. Trotz ihres Erfolgs bleibt Susanne Schnorf ganz geerdet. Und nebenbei: Dancing Classrooms wird bewusst auf Schwyzerdütsch vermittelt. «Diese Sprache liegt uns näher am Herzen. Und beim Tanzen lebt das Herz auf.» (bms)

 

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