Mister Tempo 30 tritt ab

Jürg Camichel war 25 Jahre Leiter der Polizeiabteilung in Zollikon. ­Eine Würdigung seiner Verdienste zu seiner vorzeitigen Pensionierung.

«Der glücklichste Moment meines Berufslebens», sagt Jürg Camichel, «war im Oktober 2005, als der Gemeinde Zollikon der Sicherheitspreis der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu für die mustergültige und in Rekordzeit umgesetzte Einführung von Tempo 30 auf allen Quartierstrassen zugesprochen wurde.» Als Leiter der Polizeiabteilung war er höchst persönlich für die Projektierung und Umsetzung verantwortlich gewesen und hatte gemeinsam mit dem damaligen Sachbearbeiter der für die Signalisierung verantwortlichen Firma das Konzept ausgetüftelt, das Tempo 30 ohne bauliche Massnahmen möglich machte: Auf der Suche nach der besten Idee waren sie auf die Infostelen gestossen und hatten festgestellt, dass sich damit die verkehrstechnische Anforderung an eine «kontrastreiche Torgestaltung» für eine Tempo-30- Zone bestens bewerkstelligen liess. Schweizweit waren die Tempo-30-Stellen eine Neuheit und stiessen vielerorts auf Begeisterung, da sie halfen, die Kosten zu verringern. Neben den Informationsveranstaltungen war es wohl dieser Erfindung zu verdanken, dass ein kleines Wunder geschah: Auf die zwölf rekursfähigen Ausschreibungen ging keine einzige Einsprache ein. Bei der Preisübergabe von 15'000 Franken würdigte bfu-Direktorin Brigitte Buhmann in ihrer Rede die hohe Qualität des Siegerprojekts, die mustergültige Kommunikation, die innovative, kostengünstige und rasche Umsetzung, die zu weniger Unfällen und zu mehr Lebensqualität führte.

Glücklicher Preisträger

Und Jürg Camichel war glücklich. Zwar hatte er gewusst, dass sein Team gute Arbeit geleistet hatte, doch so eine unerwartete Anerkennung von aussen tat gut und brachte der Polizeiabteilung über die Dorfgrenze hinaus viel Ruhm und Respekt ein. Ursprünglich im grafischen Gewerbe tätig, war Jürg Camichel in jungen Jahren zufällig zu Werbeunterlagen der Kantonspolizei gekommen. Ein Tenniskollege hatte ihm die Bewerbungsunterlagen der Kantonspolizei übergeben mit den Worten: «Das wäre doch etwas für dich!» Er hatte recht. Camichel war fasziniert – vor allem die Ausbildung und die Vielfältigkeit der späteren Einsatzmöglichkeiten gefielen ihm. Er bewarb sich und blieb dann 14 Jahre lang bei der Zürcher Kantonspolizei tätig. Unter anderem war er je drei Jahre bei der Verkehrs- und bei der Flughafenpolizei im Einsatz. Nebenberuflich war er über 10 Jahre Sportinstruktor und Polizeigrenadier bei der Einsatzgruppe Diamant. Nach seiner Heirat und dem ersten Nachwuchs bewarb er sich als Stationierter auf der Polizeistation Zollikon. Da damals für Kantonspolizisten noch der Wohnsitzzwang galt, war der Umzug aus der Stadt auf den Zollikerberg Pflicht. Es war ein guter Entscheid: Hier fühlte sich seine Familie sehr wohl. Einzig der wöchentliche Nachtdienst und die vielen Pikettdienste machten ihr zu schaffen. Zu oft schreckten sie aus tiefem Schlaf auf, musste er unverhofft ausrücken. Und so bewarb Jürg Camichel sich 1989 bei der Gemeinde für die Leiterstelle der Polizeiabteilung mit einem geregelteren Tagesablauf. «Ich rechnete mir keine grossen Chancen aus», sagt er, «fehlte mir doch das Wissen im Verwaltungsrecht, und es gab viele Anwärter.» Umso erfreuter war er über die Zusage und stürzte sich gleich in die geforderte Weiterbildung: Drei Jahre lang erarbeitete er sich das fehlende Wissen, indem er berufsbegleitend zweimal wöchentlich am Abend an der Uni Zürich Verwaltungsrecht büffelte. Er tat das gerne, stets hat er besondere Herausforderungen gemocht, war gerne unterwegs zu einem neuen Ziel. Sei es bei der Erneuerung der Fahrzeugflotte der Feuerwehr, dem Aufbau einer gut ausgebildeten und vernetzten Kommunalpolizei, einem neuzeitlichen Zivilschutz oder bezüglich Instandstellungen im Schwimmbad Fohrbach.

Auf Augenhöhe kommunizieren

So war es für ihn, der durchaus auch ein Mann mit Ecken und Kanten ist, stets eine besondere Freude, selbständig Projekte zu betreuen. Er übernahm Verantwortung und liess man ihn machen, blühte er auf und engagierte sich mit Herzblut. Er liebte die Arbeit auf Augenhöhe, egal ob er es mit Vorgesetzten, seinem unterstellten Team oder sachverständigen Beratern zu tun hatte. Er war ein Einzelkämpfer, dem Befehle und enge Kontrollen zuwider waren. Solche empfand er als Vertrauensbruch. Zum Glück hatte er als Abteilungsleiter oftmals freie Hand, die ihm vom Gemeinderat zugewiesenen Projekte in Absprache mit seinem zuständigen politischen Vorgesetzten auf seine Art zu lösen. Das tat er mit grossem Elan. Egal ob ein Konzept für die Internetseite der Gemeinde zu erschaffen oder eine Risikoanalyse punkto Sicherheit für das Gemeindehaus zu erarbeiten war. Als ehemaliger Junioren-Fussballtrainer beim SC Zollikon war es ihm auch ein Vergnügen, zusammen mit einem Landschaftsarchitekten den Bau des Zolliker Kunstrasens zu realisieren. Als letztes grosses Projekt setzte er das Parkplatzkonzept für die Zolliker Bevölkerung um. «Und», so sagt er nicht ohne Stolz, «sehr oft konnte ich die Kosten dabei nicht nur einhalten, sondern unterschreiten!» Strebsamkeit und Ehrgeiz sind wohl zwei von Jürg Camichels Eigenschaften, doch er hat auch andere: Gerne streift er durch die Natur, freut sich über die vielen Vögel, die er mehrheitlich mit Namen kennt und sinniert über das Leben nach. Am ersten Tag seiner neuen Freiheit wanderte er allein über den Panoramaweg von seinem langjährigen Arbeitsort nach Stäfa, wo er seit fünf Jahren wohnt. 24 Kilometer und fünf Stunden Marsch, genug, um über vieles nachzudenken. Zwischendurch ein Halt im Schützenhaus Küsnacht, um das Mittagessen einzunehmen, Kartoffelstock und Hacktätschli. Und so steht er nun da, mitten im 64. Altersjahr, offen für alles und ein wenig gespannt, was die Zukunft ihm bringen wird. Noch ist nichts fix. Doch Untätigkeit kann er sich nicht vorstellen. (db)

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