Amtliches Publikationsorgan der Gemeinde Zollikon

Donnerstag, 30. Juli 2015

«Mehr Daniel-Düsentrieb-Geist ins Land»

In Zollikon werden keine fremden Herren geduldet: Die 1.-Augustrede wird Jahr für Jahr traditionsgemäss von Einheimischen gehalten. Dieses Jahr spricht der Zolliker Philosoph Ludwig Hasler.

 

Mit Ludwig Hasler sprach Dominique Bühler

 

Was bedeutet Ihnen der 1. August?

Ich mag Rituale. Bratwürste, Kinder mit Lampions, den Schweizerpsalm, die Höhenfeuer. Zwischendurch die Rede: Nachdenken über uns, über die CH-Sippe 2015. Bundesfeiern spiegeln die Vielfalt des Landes. Letztes Jahr sprach ich in der Stadt Zug, das war ein Open Air mit 4000 Leuten. 2013 redete ich in Raperswilen über dem Bodensee, ein Waldfest mit 45 Leuten. 1.-Augustreden sind der Härtetest. Nirgendwo sonst ist das Zielpublikum so bunt gemischt, nirgendwo sonst muss man die Gedanken so lebhaft führen, dass sie dem Gegengewicht der herumspringenden Kinder, abgehenden Raketen und Knallpetarden gewachsen sind. Schafft man das, wird es ein Fest. Morgen wird mein Dutzend an Augustreden voll.

 

Die Schweiz gilt weltweit als Paradies – Zollikon ganz besonders. Sehen Sie dies auch so?

Sicher. Wir führen hier ein fabelhaft angenehmes Leben. Ich geniesse dies – und sehe auch die Schatten im Paradies: Wer so viel hat, hat auch viel zu verlieren. Und wenig dazuzugewinnen. So wächst die Furcht vor Verlusten – und die Lust auf Veränderung sinkt. Logisch, dass wir zwar alles wollen, bloss keine Veränderung, oder? Aber macht das glücklich? Die Schweiz ist ja – im Urteil der Ökonomen – das glücklichste Land der Erde. Sehen wir auch danach aus? Sind wir vergnügt? Neugierig? Risikofreudig? Na ja, mal so, mal so, wir sehen es morgens im Spiegel. Wohlstand macht satt, aber nicht automatisch glücklich. Auch Eva und Adam langweilten sich im Paradies, warum sonst hätte Eva in den Apfel gebissen, sie wollte da raus.

 

Was also tun, um das Glück zu finden, ohne das Paradies zu verlassen?

Es ist gar nicht so einfach, den Wohlstand zu wahren. Wer bequem wird, verschläft leicht Entwicklungen. Die jagen sich ja in stets rasanterem Tempo. Dabei gilt: Entweder wir werden besser oder andere werden besser als wir. Ungemütlich? Ja. Doch als Schweizerinnen und Schweizer haben wir prima Voraussetzungen. Als voralpine Kleinbauern lernten wir über Jahrhunderte Fleiss, Robustheit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit – und vor allem: uns selbst zu helfen.

Überdies haben wir eine sagenhafte Natur: Berge, Flüsse, Seen, vier Jahreszeiten, reichlich Wasser – ein Glücksfall, der nebenbei auch die cleversten Leute aus aller Welt ins Land lockt. Auch weil wir die Schönheit der Landschaft mit dem Ruf der Freiheit füllten. Andere Länder leben von Bodenschätzen, bei uns ist nichts unter dem Boden. So lernten wir, uns selbst zu helfen. Von da kommt es, dass wir Gefallen gefunden haben an der Freiheit.

Gratis ist Freiheit nie. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Gilt das noch? Oder lassen wir uns lieber in allen Lebenslagen helfen? Vom Staat? Beim kleinsten Problem rufen wir: Schläft die Politik? Was tut der Bund? So machen wir uns selbst abhängig, da brauchen wir keine fremden Richter.

 

Ist Unabhängigkeit überhaupt noch realistisch? Sind wir nicht sowieso mit allen verknüpft?

Doch. Trotzdem ist Unabhängigkeit nicht bloss ein alter Zopf. Wir müssen uns allerdings klar machen, dass Unabhängigkeit nicht einfach eine politische Forderung ist, sondern vor allem eine Frage unserer wirtschaftlich-technologischen Wettbewerbsfähigkeit. Heroische Rhetorik bringt nichts, der Retroboom im Schweizer Fernsehen ebenso wenig. Ich bin auch gern am Schwingfest. Den Rest der Welt lässt das kalt. Wir müssen uns dort qualifizieren, wo die internationale Konkurrenz ist, vor allem technologisch. Nur wer da zu den Besten zählt, kann sich Unabhängigkeit und Selbstbestimmung leisten. Und da gibt es noch einiges zu tun.

 

Wie stellen Sie sich das vor?

Wir müssen vor allem mit unserer Bildung im 21. Jahrhundert ankommen, mit kräftigen Akzenten auf Mathematik und Informatik. Wir sind erst am Anfang der Digitalisierung unserer Welt. Die Weltsprache wird weder Englisch noch Chinesisch sein, die Partitur dieser neuen Welt schreibt die Informatik. Unser Leben wird immer entschiedener durch Algorithmen gesteuert. Die grosse Rechenmaschine lenkt uns – lassen wir uns gängeln? Zur Mündigkeit gehört, dass wir eine Ahnung davon haben, was uns steuert. Noch besser wäre, wenn wir die Steuerung selbst programmieren könnten. Also muss die Schule sich ernsthaft mit Informatik beschäftigen. Das gehört direkt zum Schweizer Freiheitskonzept.

Das ist mehr als ein intellektuelles Pensum, es ist eine Frage der Mentalität: Wie sind wir evolutionär drauf? Haben wir etwas vor? Sind wir «zukunftslustig»? Sind wir noch so robust wie am Morgarten? 40 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen sagen, sie seien «erschöpft», 300 000 nahe am Burnout. An der Arbeitslast kann das nicht liegen. Meine Eltern rackerten ein Vielfaches – und waren stets bei Laune. Werden wir doch etwas wohlstandsfaul? Fehlt uns eine inspirierende Zukunft? Ein begeisterndes Projekt?

 

Sehen Sie eines?

Die Energiewende könnte so ein Jahrhundertprojekt werden. Bloss anders, als sie grad unterwegs ist. Es taugt wenig, das Land mit verfügbaren Techniken für erneuerbare Energien zu überziehen, wir müssen technologisch aufdrehen, neue Technologien erforschen, etwa Bioenergie aus Algen, Verkehr auf Magnetbahnen. Vorwärts- statt Retromentalität. Mehr Daniel-Düsentrieb-Spirit ins Land! Da muss der Geist der Unabhängigkeit sich einnisten. Wir müssen technologisch unwiderstehlich werden.

 

Ohne auf Klimawandel und Überbevölkerung einzugehen, sehe ich, dass Sie optimistisch sind, dass wir die Probleme lösen und unser Land gut über die Runden bringen werden, wenn wir uns anstrengen. Wie sieht es mit dem Glück aus – finden wir auch dieses?

Bin ich optimistisch? Weil ich Pessimismus unfruchtbar finde? Ohne Zuversicht kein Vorwärtsdrang. Glück? Mit dem Glück ist es so eine Sache. Wer es nur für sich verfolgt, verpasst es am sichersten. Glück lebt von «Kohärenzgefühlen», sagt die Forschung: Es stellt sich ein, wenn wir an einer Sache mitwirken, die grösser und bedeutender ist als die eigene Person. Geht ganz einfach: Die pensionierte Ärztin kümmert sich sporadisch um zwei Immigranten-Schüler. Handelt sie moralisch? Sie handelt klug. So kommt Sinn in ihr Leben, sie tut etwas für die Jungen, also für die Zukunft, für die Schweiz, für die Welt.

Genauso könnten wir als Schweiz handeln. Ich nenne es «reziproken Egoismus»: dass wir uns um andere kümmern, jedoch weniger aus hochherziger Moral, eher aus klugem Eigennutz. Schlicht darum, weil wir besser in Form kommen, wenn andere in Form sind.

 

Wäre das ein Vorsatz für den 1. August: seinen reziproken Egoismus stärken?

Wäre prima. Die Schweiz ist ja – wie jede Gesellschaft – eine Art Resonanztheater. So wie wir über die Bühne gehen, vergnügt oder miesepetrig, so tönt es zurück. Es ist also jede und jeder zuständig für den «Geist» in Zollikon und im Land insgesamt. Und da wir zahllose Gründe haben, bester Laune zu sein, könnten wir spätestens beim Singen des Schweizerpsalms mit dem reziproken Egoismus beginnen und andere anstecken mit Zukunftslust, mit innovativem Geist, mit evolutionärem Drive.

 

 

Programm Bundesfeier auf der Allmend

18.00 Uhr      Festwirtschaft mit Banis Partyservice und der Kapelle Andi Brunner

20.15 Uhr      Alphornbläsergruppe der Stadtzürcher Alphornbläservereinigung

20.40 Uhr      Lampionumzug für die Kinder

20.45 Uhr      Eröffnung der offiziellen Bundesfeier durch die Gemeindepräsidentin

                        Festrede von Dr. Ludwig Hasler

21.30 Uhr      Höhenfeuer; Musik und Tanz mit der Kapelle Andi Brunner

 

 

Freitag, 31. Juli 2015

Wieder das Salz der Erde sein

Die siebte Veranstaltung der diesjährigen Sommerkulturtage, organisiert von der reformierten Kirche Zollikerberg, trug den Titel «Salz der Erde. Über die Kultur der Gegenwart und das Christentum». Der Pfarrer und Schriftsteller Ulrich Knellwolf trug dem Publikum letzte Woche seine Überlegungen dazu vor.

«Ich begrüsse Sie herzlich zu meinem Referat an diesem heissen Sommervormittag zu einem heissen Thema», eröffnete der promovierte Theologe schmunzelnd seinen Vortrag und erntete damit bereits die ersten Lacher des Publikums. Er begann zu erzählen: 1958 war er konfirmiert worden – einen Monat vor der Segenshandlung war im Religionsunterricht der Gottesdienstablauf vorgestellt worden. Zentral darin sei das «Ja» auf die Frage gewesen, ob die Konfirmandinnen und Konfirmanden ein Leben lang der reformierten Kirche treu sein würden. «Ich befand mich damals in einer rasenden Entwicklung, und Widerstand regte sich in mir. Ich war mir nicht sicher, ob ich in diesem Alter ein solches Versprechen abgeben wollte», erzählte der heute 73-jährige Referent heiter. Zu Hause suchte er die Diskussion mit seinen Eltern. Seine Mutter machte sich sogleich Sorgen, dass er sich am Ende an seiner Konfirmation noch blossstellen würde, sein Vater brummelte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart und schlug seinem Sohn vor, diese Frage doch mit dem Pfarrer zu bereden. Was der junge Ulrich Knellwolf umgehend tat – und zusehen konnte, wie dieser Angst bekam bei der Vorstellung, dass jemand mit «Nein» auf seine Frage antworten könnte. Der Vorschlag des Pfarrers war jedoch akzeptabel: Da er die Frage allen gemeinsam stellen würde, könne Ulrich auch einfach nicht darauf antworten. «Das habe ich dann gemacht!» Das Publikum im Vortragssaal lachte schallend. Mit dieser Anekdote zeigte Knellwolf auf, wie gross der Druck der Kirche, Normen und Regeln zu folgen, noch vor lediglich 60 Jahren war. Unsere Gesellschaft denke auch heute noch, dass der Europäer oder die Europäerin ein christlicher Mensch sei – katholisch oder protestantisch – oder auch ein jüdischer. Aber die politischen und demografischen Bewegungen stellten dies klar infrage. Wer von diesem «Normalfall» ausgeht, muss feststellen, dass dies heute längst nicht mehr so ist. «Als ich Pfarrer in Zollikon war, waren zwei Drittel reformiert und ein Drittel katholisch. Heute ist ein Drittel reformiert, ein Drittel katholisch und ein Drittel entweder konfessionslos oder einer anderen Religion zugehörig.»

Ein beliebtes Sujet der Medien sei die leere Kirche, so der ehemalige Pfarrer von Zollikon und Zollikerberg. Wenn mal wieder Flaute herrsche, dann werde das alte Thema der leeren Kirchenbänke nur allzu gerne hervorgenommen. Dass die Kirchen insgesamt nicht mehr so voll seien wie früher, streite er gar nicht ab, jedoch würde er gerne eine andere Vereinigung sehen, die so viele Menschen regelmässig zusammenbringen könne – mal abgesehen vom Fussball.

 

Trennung von Kirche und Staat

Die Prägung durch christliche und biblische Motive nimmt in der europäischen Kultur stetig ab. Über Jahrhunderte hinweg waren sie dominant gewesen. Es gab keinen bedeutenden Komponisten, der nicht eine Messe geschrieben, keinen Künstler, der nicht biblische Motive gemalt hatte. «Mozarts Auftraggeber war der Erzbischof von Salzburg», erinnerte Knellwolf. Die Kirche hatte die finanziellen Mittel, sie konnte die Aufträge bezahlen. Dies habe sich mit der Französischen Revolution 1789 grundlegend verändert. Der Staat als neue Macht vergab keine Aufträge mehr, Heilige zu malen. Napoleon oder Revolutionsszenen mussten nun in Bildern festgehalten werden. So rückten die christlichen und biblischen Motive in den Hintergrund. Ein weiterer Grund dafür, dass die christliche Prägung aktuell so stark abnehme, sei auch die wachsende Anzahl der Menschen ohne Konfession oder mit anderer Religionszugehörigkeit. Europa sei kein christlicher Kontinent mehr – aber: War es denn je einer? Die christliche Hegemonie sei auf Zwang zurückzuführen. Den Menschen wurde die Zugehörigkeit zum christlichen Glauben in der Geschichte unzählige Male aufgezwungen. «Meine Generation ist die erste Generation seit über 1600 Jahren, die in kirchlichen Fragen wirklich eine Wahl hat. Nur bei der Anhängerschaft von Jesus aus Nazareth wurde auch niemand gezwungen.»

Die Französische Revolution führte zur Trennung von Kirche und Staat. Dem Staat mussten sich alle unterwerfen, die Kirche war freiwillig. Heute werde ein Verlust des Einflusses der Kirche auf die Öffentlichkeit beklagt, so der Redner, der seit 2012 wieder in Zollikerberg wohnt, doch sei er erstaunt, dass nach diesen Hunderten von Jahren Zwang überhaupt noch jemand etwas mit der Kirche zu tun haben möchte. In Frankreich sei die Trennung von Kirche und Staat innerhalb Europas am striktesten. Zugleich sei die herrschende Debatte darüber am lebendigsten. In Deutschland sei die Kirche mit dem Staat immer noch sehr eng verbunden. Die Kirche werde nach wie vor sehr gestützt und geschützt vom Staat – gleichzeitig werde kaum darüber diskutiert. Der Diskurs finde fast ausschliesslich innerhalb des theologischen Kreises statt. Kritisch meint Ulrich Knellwolf dazu: «Man ist versucht, daraus zu schliessen, dass die öffentliche Resonanz und das Bedürfnis der Kirche nach Öffentlichkeit korreliert.»

 

Ansteckende religiöse Freiheit

Religiöse Freiheit ist ansteckend. Der Referent gibt ein Beispiel: «Ich glaube, dass junge muslimische Frauen in 20 Jahren bei uns keine Kopftücher mehr tragen werden.» Doch die religiöse Freiheit mache vielen Christen Angst, deshalb entstünden auch fundamentalistische Strömungen. Dies geschehe nicht nur bei den Christen. Auch der «Islamische Staat» sei auf diesem Weg zu so viel Macht gekommen: «Die Angst vor der Verweltlichung ist enorm», erklärt Ulrich Knellwolf die aktuellen Begebenheiten. Die Reaktion sei überall die gleiche, nämlich die Strukturen zu stärken und die Reihen zu schliessen. Auch die katholischen und protestantischen Kirchen reagierten auf diese Angst. Die katholische Kirche versuche eher, der Angst mit Konservatismus beizukommen, die protestantische, indem sie aus der Kirche ein Dienstleistungsunternehmen zu machen versuche, das sämtliche Wünsche erfülle. «Aber», so der Pfarrer und Schriftsteller Knellwolf, «wir müssen uns fragen, ob wir wieder das Salz der Erde sein möchten. Wir stehen heute vor der Chance und diese Chance hat Zukunft. Die Kirche kann wieder das Salz der Erde werden, wenn sie nur nicht alles tut. Salz ist bekanntlich nur in kleinen Dosen geniessbar.» (ft)

 

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Freitag, 31. Juli 2015

Einfach machen und durchziehen

Manuel Gamma war zehn Jahre lang Redaktor und Produzent bei «Glanz & Gloria», reiste um die Welt und veröffentlichte im Mai mit dem Illustratoren Peter Wyss und der Grafikerin Claudia Fellmer sein erstes Buch «Perplexe Texte Komplexe Kleckse», welches der Verlag als Buch des Jahres vorschlagen wird.

«Ich schreibe, seit ich 15 Jahre alt bin», beginnt der gebürtige Zürcher Manuel Gamma, «und die Gründe dafür waren dreierlei: Entweder war ich verliebt, es ging mir nicht gut oder ich wollte eine Frau beeindrucken!» Der 43-Jährige wäre gerne Belletrist geworden, doch unter 40 Jahren sei seine Selbstdisziplin schlicht zu klein gewesen. «Ungefähr eine Viertelstunde Zeit brauche ich für ein Gedicht», lacht er verschmitzt, steht auf und holt rasch die alten Schulhefte, in die er seine Gedichte früher geschrieben hat. Der Titel des aktuell veröffentlichten Buches steht sogar auf dem Umschlag einer dieser Hefte. Vor einigen Jahren absolvierte der kreative Kopf verschiedene Weiterbildungen, er wollte entdecken, was das Leben noch zu bieten hatte. Im Prozess dieser Veränderung habe er in zwei Nächten sämtliche Gedichte in seinen Computer reingehämmert und sie kurzerhand an drei Verlage geschickt. Einer von ihnen, der Kommode Verlag Zürich, bekundete Interesse an seiner Lyrik-Sammlung. So wurde ein Treffen mit der Verlegerin abgemacht. «In meiner Eitelkeit dachte ich, dass damit die Arbeit nun getan sei. Doch meine Verlegerin klärte mich schnell auf: Nun sei ich erst einmal schwanger geworden und müsse noch lange austragen.» Die Idee der Zusammenarbeit mit dem bekannten Künstler Peter Wyss kam auf, sie war für den Neoautoren nicht nur naheliegend, sondern schlicht logisch.

 

Wort und Bild binden

Der Zürcher Illustrator arbeitete für internationale Magazine und Werbeagenturen und in seinem Atelier im Seefeld waren auf 160 Quadratmeter einige Trouvaillen versteckt, die, so Manuel Gamma, eine äusserst spannende Ergänzung zu seinen Gedichten wären: «Abgesehen vom Generationsunterschied haben Peter und ich sehr viele Gemeinsamkeiten.» Die Kalligrafien von Peter Wyss seien die substantiellen Elemente, durch sie würden Wort und Bild gebunden. Die Verlegerin zeigte sich begeistert von diesem Konzept und so engagierten sie zu dritt die Grafikerin Claudia Fellmer. Eineinhalb Jahre intensive Arbeit folgten. Das Resultat ist ein wildes Buch, in dem sehr viel Herzblut steckt. Allen war bewusst, dass sie damit nicht reich werden würden – dafür reich an Erfahrung. Im finalisierenden Moment fanden alle drei Kunstschaffenden ihren Anteil fürchterlich. «Aber wir liessen los, um einmal zu schauen, wie es fliegt.» Auf die Frage hin, wie es denn fliege, lacht Manuel Gamma und meint, er wisse es nicht. Alle an der Lesung zum Verkauf stehenden Exemplare seien weg, eine kleine Menge in Deutschland ebenfalls ausverkauft, aber es sei ihnen durchaus bewusst, dass diese Art von Buch keine grosse Käuferschaft anspreche. Der Buchhandel sei vorsichtig. Es handle sich um ein schönes Geschenkbuch. Am Anfang stellte er sich die Frage, was es wohl mit ihm mache, wenn diese Gedichte, die viel Intimes von ihm preisgeben, veröffentlicht werden, dennoch hat er es, wie er betont, durchgezogen. Etwas durchziehen, etwas einfach machen, einen Entscheid treffen und diesen dann umsetzen, das ist das Motto in seinem Leben. «Ich stehe auf einem Berg, stosse einen Stein an und schaue, wie er rollt. Manchmal rollt er auch über mich hinweg, aber er rollt.»

 

Die Liebe zum Fernsehen

Sein Studium in Philosophie, Publizistik und moderner Literaturwissenschaft hat er nach acht Jahren im Jahr 2001 abgebrochen, er hätte sich in den Hauptfächern Philosophie und Publizistik für die Lizentiatsprüfungen anmelden können, doch «ich war zu eitel, um anzuerkennen, dass ich durchgefallen wäre.» Nebenbei hat er immer viel gearbeitet, anfangs als Sozialagoge mit verhaltensauffälligen Jugendlichen, später dann im Rahmen eines Studienpraktikums beim früheren Privatsender TV3. «Ich habe mich sehr bemüht, das Praktikum und die Arbeit schlimm zu finden und musste mir dann eingestehen, dass beides sehr gut ist. So habe ich zwei Jahre unbeachtete News gemacht», lacht er erneut. Über zwei Zwischenstationen bei Tamedia und als Videotrainer bei «Szenario», einem sozialen Projekt für arbeitslose Jugendliche, kam er zum Schweizer Fernsehen und blieb dort zehn Jahre – bis er vor Kurzem ins Blaue hinaus, wie er selber sagt, gekündigt hat. «Ich bin in die Medien reingerutscht und habe es geliebt, ich war immer in der Redaktion, auch an meinen freien Tagen.» Nun arbeitet er selbstständig als Kameramann, wird wahrscheinlich noch eine 50%-Mutterschaftsvertretung beim «Club» des SRF annehmen, ein zweites Buchprojekt, ein Sachbuch über den Umgang mit Gewalt, ist ebenfalls noch offen. Letzteres steht im Zusammenhang mit seiner Trainertätigkeit in Krav Maga. Krav Maga ist eine ursprünglich israelische Selbstverteidigungstechnik, die er bereits seit Jahren betreibt.

Seit fünf Jahren wohnt er nun in Zollikon, in einer Wohnung im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses – mit einer atemberaubenden Aussicht auf den Zürichsee und die Stadt. Schmunzelnd weist er darauf hin, dass er dafür auch Einiges zahle. «Zollikon ist ein verrückter Fleck, ich wohne sehr gerne hier.» So entspannt, wie Manuel Gamma auf seinem Balkon sitzt, das Gesicht der Sonne zugewandt, glaubt man sofort, dass er Zollikon so schnell nicht wieder verlassen wird. (ft)

 

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Donnerstag, 30. Juli 2015

«Mehr Daniel-Düsentrieb-Geist ins Land»

In Zollikon werden keine fremden Herren geduldet: Die 1.-Augustrede wird Jahr für Jahr traditionsgemäss von Einheimischen gehalten. Dieses Jahr spricht der Zolliker Philosoph Ludwig Hasler.

 

Mit Ludwig Hasler sprach Dominique Bühler

 

Was bedeutet Ihnen der 1. August?

Ich mag Rituale. Bratwürste, Kinder mit Lampions, den Schweizerpsalm, die Höhenfeuer. Zwischendurch die Rede: Nachdenken über uns, über die CH-Sippe 2015. Bundesfeiern spiegeln die Vielfalt des Landes. Letztes Jahr sprach ich in der Stadt Zug, das war ein Open Air mit 4000 Leuten. 2013 redete ich in Raperswilen über dem Bodensee, ein Waldfest mit 45 Leuten. 1.-Augustreden sind der Härtetest. Nirgendwo sonst ist das Zielpublikum so bunt gemischt, nirgendwo sonst muss man die Gedanken so lebhaft führen, dass sie dem Gegengewicht der herumspringenden Kinder, abgehenden Raketen und Knallpetarden gewachsen sind. Schafft man das, wird es ein Fest. Morgen wird mein Dutzend an Augustreden voll.

 

Die Schweiz gilt weltweit als Paradies – Zollikon ganz besonders. Sehen Sie dies auch so?

Sicher. Wir führen hier ein fabelhaft angenehmes Leben. Ich geniesse dies – und sehe auch die Schatten im Paradies: Wer so viel hat, hat auch viel zu verlieren. Und wenig dazuzugewinnen. So wächst die Furcht vor Verlusten – und die Lust auf Veränderung sinkt. Logisch, dass wir zwar alles wollen, bloss keine Veränderung, oder? Aber macht das glücklich? Die Schweiz ist ja – im Urteil der Ökonomen – das glücklichste Land der Erde. Sehen wir auch danach aus? Sind wir vergnügt? Neugierig? Risikofreudig? Na ja, mal so, mal so, wir sehen es morgens im Spiegel. Wohlstand macht satt, aber nicht automatisch glücklich. Auch Eva und Adam langweilten sich im Paradies, warum sonst hätte Eva in den Apfel gebissen, sie wollte da raus.

 

Was also tun, um das Glück zu finden, ohne das Paradies zu verlassen?

Es ist gar nicht so einfach, den Wohlstand zu wahren. Wer bequem wird, verschläft leicht Entwicklungen. Die jagen sich ja in stets rasanterem Tempo. Dabei gilt: Entweder wir werden besser oder andere werden besser als wir. Ungemütlich? Ja. Doch als Schweizerinnen und Schweizer haben wir prima Voraussetzungen. Als voralpine Kleinbauern lernten wir über Jahrhunderte Fleiss, Robustheit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit – und vor allem: uns selbst zu helfen.

Überdies haben wir eine sagenhafte Natur: Berge, Flüsse, Seen, vier Jahreszeiten, reichlich Wasser – ein Glücksfall, der nebenbei auch die cleversten Leute aus aller Welt ins Land lockt. Auch weil wir die Schönheit der Landschaft mit dem Ruf der Freiheit füllten. Andere Länder leben von Bodenschätzen, bei uns ist nichts unter dem Boden. So lernten wir, uns selbst zu helfen. Von da kommt es, dass wir Gefallen gefunden haben an der Freiheit.

Gratis ist Freiheit nie. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Gilt das noch? Oder lassen wir uns lieber in allen Lebenslagen helfen? Vom Staat? Beim kleinsten Problem rufen wir: Schläft die Politik? Was tut der Bund? So machen wir uns selbst abhängig, da brauchen wir keine fremden Richter.

 

Ist Unabhängigkeit überhaupt noch realistisch? Sind wir nicht sowieso mit allen verknüpft?

Doch. Trotzdem ist Unabhängigkeit nicht bloss ein alter Zopf. Wir müssen uns allerdings klar machen, dass Unabhängigkeit nicht einfach eine politische Forderung ist, sondern vor allem eine Frage unserer wirtschaftlich-technologischen Wettbewerbsfähigkeit. Heroische Rhetorik bringt nichts, der Retroboom im Schweizer Fernsehen ebenso wenig. Ich bin auch gern am Schwingfest. Den Rest der Welt lässt das kalt. Wir müssen uns dort qualifizieren, wo die internationale Konkurrenz ist, vor allem technologisch. Nur wer da zu den Besten zählt, kann sich Unabhängigkeit und Selbstbestimmung leisten. Und da gibt es noch einiges zu tun.

 

Wie stellen Sie sich das vor?

Wir müssen vor allem mit unserer Bildung im 21. Jahrhundert ankommen, mit kräftigen Akzenten auf Mathematik und Informatik. Wir sind erst am Anfang der Digitalisierung unserer Welt. Die Weltsprache wird weder Englisch noch Chinesisch sein, die Partitur dieser neuen Welt schreibt die Informatik. Unser Leben wird immer entschiedener durch Algorithmen gesteuert. Die grosse Rechenmaschine lenkt uns – lassen wir uns gängeln? Zur Mündigkeit gehört, dass wir eine Ahnung davon haben, was uns steuert. Noch besser wäre, wenn wir die Steuerung selbst programmieren könnten. Also muss die Schule sich ernsthaft mit Informatik beschäftigen. Das gehört direkt zum Schweizer Freiheitskonzept.

Das ist mehr als ein intellektuelles Pensum, es ist eine Frage der Mentalität: Wie sind wir evolutionär drauf? Haben wir etwas vor? Sind wir «zukunftslustig»? Sind wir noch so robust wie am Morgarten? 40 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen sagen, sie seien «erschöpft», 300 000 nahe am Burnout. An der Arbeitslast kann das nicht liegen. Meine Eltern rackerten ein Vielfaches – und waren stets bei Laune. Werden wir doch etwas wohlstandsfaul? Fehlt uns eine inspirierende Zukunft? Ein begeisterndes Projekt?

 

Sehen Sie eines?

Die Energiewende könnte so ein Jahrhundertprojekt werden. Bloss anders, als sie grad unterwegs ist. Es taugt wenig, das Land mit verfügbaren Techniken für erneuerbare Energien zu überziehen, wir müssen technologisch aufdrehen, neue Technologien erforschen, etwa Bioenergie aus Algen, Verkehr auf Magnetbahnen. Vorwärts- statt Retromentalität. Mehr Daniel-Düsentrieb-Spirit ins Land! Da muss der Geist der Unabhängigkeit sich einnisten. Wir müssen technologisch unwiderstehlich werden.

 

Ohne auf Klimawandel und Überbevölkerung einzugehen, sehe ich, dass Sie optimistisch sind, dass wir die Probleme lösen und unser Land gut über die Runden bringen werden, wenn wir uns anstrengen. Wie sieht es mit dem Glück aus – finden wir auch dieses?

Bin ich optimistisch? Weil ich Pessimismus unfruchtbar finde? Ohne Zuversicht kein Vorwärtsdrang. Glück? Mit dem Glück ist es so eine Sache. Wer es nur für sich verfolgt, verpasst es am sichersten. Glück lebt von «Kohärenzgefühlen», sagt die Forschung: Es stellt sich ein, wenn wir an einer Sache mitwirken, die grösser und bedeutender ist als die eigene Person. Geht ganz einfach: Die pensionierte Ärztin kümmert sich sporadisch um zwei Immigranten-Schüler. Handelt sie moralisch? Sie handelt klug. So kommt Sinn in ihr Leben, sie tut etwas für die Jungen, also für die Zukunft, für die Schweiz, für die Welt.

Genauso könnten wir als Schweiz handeln. Ich nenne es «reziproken Egoismus»: dass wir uns um andere kümmern, jedoch weniger aus hochherziger Moral, eher aus klugem Eigennutz. Schlicht darum, weil wir besser in Form kommen, wenn andere in Form sind.

 

Wäre das ein Vorsatz für den 1. August: seinen reziproken Egoismus stärken?

Wäre prima. Die Schweiz ist ja – wie jede Gesellschaft – eine Art Resonanztheater. So wie wir über die Bühne gehen, vergnügt oder miesepetrig, so tönt es zurück. Es ist also jede und jeder zuständig für den «Geist» in Zollikon und im Land insgesamt. Und da wir zahllose Gründe haben, bester Laune zu sein, könnten wir spätestens beim Singen des Schweizerpsalms mit dem reziproken Egoismus beginnen und andere anstecken mit Zukunftslust, mit innovativem Geist, mit evolutionärem Drive.

 

 

Programm Bundesfeier auf der Allmend

18.00 Uhr      Festwirtschaft mit Banis Partyservice und der Kapelle Andi Brunner

20.15 Uhr      Alphornbläsergruppe der Stadtzürcher Alphornbläservereinigung

20.40 Uhr      Lampionumzug für die Kinder

20.45 Uhr      Eröffnung der offiziellen Bundesfeier durch die Gemeindepräsidentin

                        Festrede von Dr. Ludwig Hasler

21.30 Uhr      Höhenfeuer; Musik und Tanz mit der Kapelle Andi Brunner

 

 

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