Amtliches Publikationsorgan der Gemeinde Zollikon

Donnerstag, 25. Juni 2015

Motivation, nicht Förderung

Der bekannte Schweizer Kinderarzt Remo Largo hielt am Montagabend im Gemeindesaal einen Vortrag zum Thema «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht».

 

«Babyjahre», «Glückliche Scheidungskinder», «Lernen geht anders» – welche Eltern oder Pädagoginnen und Pädagogen kennen diese Longseller des Fachbuchautors nicht? Der volle Gemeindesaal widerspiegelte eindrücklich das Interesse an diesen Themen. Die wenigen anwesenden Männer wurden von Remo Largo speziell begrüsst, ehe er sein Referat eröffnete, in dem er auf den Titel seiner Veranstaltung hinwies. Er erklärte, dass dieses Zitat nicht aus seiner Feder stamme, er es aber gerne verwende, weil es so deutlich aufzeige, worum es ihm gehe: «Wir würden nie am Gras ziehen, damit es schneller wächst – bei den Kindern verhalten wir uns jedoch oft genau so!» Das Problem unserer Gesellschaft ist, dass wir meinen, die Kinder seien alle gleich. «Wir unternehmen unglaublich viel für diese Gleichmacherei», meint Remo Largo, «man kann es auch in einer Zahl ausdrücken: 400 Millionen Schweizer Franken werden allein im Kanton Zürich jährlich für die Sonderpädagogik ausgegeben.» Dieses Geld könnte man vielleicht besser brauchen, deshalb sei auch das Titelzitat so treffend. Ihm gehe es darum zu zeigen, dass man Kinder nicht fördern könne –weshalb versuchen wir jedoch genau dies trotzdem? Der Forscher stellte klar: «Wir müssen uns überlegen, ob Förderung nicht auch nachteilig ist.» Damit ging er dazu über, Auszüge aus der berühmten Zürcher Longitudinalstudie vorzustellen.

 

Die Gretchenfrage

Zwischen 800 und 1000 Kindern wurden seit 1954 untersucht, dabei wurden die Eltern bei der Geburt gefragt, ob sie mitmachen würden. Viele sagten ja – und blieben damit 20 Jahre dabei, bei mehr als 300 Familien dauerte die Teilnahme gar über zwei Generationen. Die Studie erfasste unterschiedliche Faktoren in der frühkindlichen Entwicklung. Sprache, Neuromotorik und Wachstum liessen sich gut messen. Das Sozialverhalten beispielsweise konnte jedoch nur rudimentär festgehalten werden, dazu fehlte schlicht die Methodik. Welch grosse Veränderung in der Sauberkeitserziehung mit dem Aufkommen der Wegwerfwindel ab 1960 stattfand, erklärte der Kinderarzt anhand von Diagrammen. In den 50-Jahren begann die Sauberkeitsentwicklung, damals gab es noch keine Waschmaschinen. Die Belastung für die Mütter war mit dem Windelwaschen sehr gross, die Kinder sollten so rasch als möglich trocken werden. Dann wurde die Wegwerfwindel erfunden, ein Durchbruch. Diese Erfindung hat das erzieherische Verhalten der Eltern grundlegend verändert. Heute beginnt die Sauberkeitserziehung der Eltern viel früher, aber mit welchem Ergebnis? In den 50-Jahren waren ein Drittel mit sechs Monaten, mit zwölf Monaten gar 96 Prozent aller untersuchten Kinder trocken. In den 70-Jahren hingegen war keines der Kinder mit sechs Monaten trocken. Insgesamt verschob sich das Trockenwerden der Kleinkinder um 14 Monate. Nun könne man sich die Gretchenfrage stellen und sich fragen, ob das frühere Beginnen mit der Sauberkeitserziehung etwas gebracht habe? Für Remo Largo ist klar, dass es überhaupt nichts gebracht hat – und er ergänzt: «Dies gilt nicht nur für die Sauberkeitserziehung, sondern auch fürs Lesen- oder Rechnenlernen.» Aufgabe der Eltern sei es nicht, ihr Kind frühzeitig zu trainieren, sondern das eigene Kind richtig zu lesen. Die Eltern sollen merken, wann das Kind selber bereit ist, trocken zu werden. Dies wird heute immer öfters verpasst. Die Eltern können das Kind unterstützen, zum Beispiel mit der Blasenkontrolle und die Eltern können Vorbild sein. Dies, indem beispielsweise die Türe zum WC offengelassen werde, damit das Kind realisiere, dass es nicht das einzige Wesen auf der Erde sei, das auf den Topf müsse. Die Kinder entwickelten Eigeninitiative und zeigten dies mit Mimik, Körperhaltung und Sprache. Aber auch mit einem Interesse für das Töpfchen und vor allem für das diesbezügliche Verhalten der Familienmitglieder. So werden Kleinkinder trocken. Die Dauer dieses Vorganges ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich, es nützt nichts, früher damit anzufangen oder das Kind zu drängen, das Kind wird dann trocken, wenn es selbst so weit ist.

 

Das Vorbild sozialisiert

Eines habe ihn immer wieder besonders fasziniert, erzählt der Fachbuchautor: «Beobachtet man die Kinder beim Spielen, so sieht man ein Abbild der Erziehung der Eltern. Sie ahmen die Eltern exakt nach.» Entscheidend bei der Erziehung ist das Verhalten der Erwachsenen. Der Erziehungsstil der Eltern entscheidet über das Selbstwertgefühl der Kinder. Traditionell und fremdbestimmt erzogene Kinder weisen meist ein sehr niedriges Selbstwertgefühl auf. Mit einer kindorientierten und selbstbestimmten Erziehung wird das Selbstwertgefühl gestärkt, die Kinder erhalten eine gute Selbstwirksamkeit. «Und das ist doch das, was wir alle wollen?,» fragt der Referent sein Publikum. Unsere Gesellschaft mache einen grossen Fehler, indem sie das Selbstwertgefühl der Kinder sehr oft von ihrer Leistung abhängig mache. Doch nicht die Leistung selber solle zählen, sondern der Weg dorthin. «Das ist eben die Krux von heute», erklärt er, der selber Vater von drei Töchtern und Grossvater ist, «wir meinen, wir müssten unseren Kindern alles beibringen – und uns das auch noch 400 Millionen kosten lassen. Fakt ist aber: Es nützt nichts!» Es sei ein verrücktes System, das heute vorherrsche. Es gibt inzwischen mehr Kinder, die Förder- und Stützmassnamen bekommen als Kinder, die keine Massnahmen erhalten.

 

Wie lernen Kinder?

Die Spiele der Kinder sind immer sinnvoll, jedes Spiel hat einen Sinn. «Wir Erwachsenen sind vielleicht einfach nicht in der Lage, den Sinn zu verstehen», schmunzelt Remo Largo. Wir haben eine Kultur entwickelt, die sich sehr weit von den Kindern entfernt hat. Aber wie lernen Kinder überhaupt? Man solle den Kinder Gelegenheit geben, so spielen zu können, wie sie es möchten. «Nehmen wir die Farben zum Beispiel. Wir meinen, wir müssten den Kindern die Farben mit den zugehörigen Namen beibringen. Aber das ist ein Irrtum, sie lernen nach ihrer eigenen Wahrnehmung – dies ist ja nicht nur im Kleinkind- oder Schulalter so, Lernen funktioniert zeit unseres Lebens so. Wir wollen das einfach nicht glauben und machen uns das Leben damit selbst schwer.» Die Entwicklungsaufgabe der Eltern ist, sich an der Individualität des Kindes zu orientieren. Die Eltern sollen das Verhalten des Kindes lesen, sich auf seine Bedürfnisse einstellen und das Kind in seinem Bestreben nach Selbstständigkeit unterstützen. Das Kind soll Erfolgserlebnisse haben, dies führt zu gutem Selbstwertgefühl. So kann es seine Stärken und seine eigenen Lernstrategien entwickeln. «Wir müssen die Kinder dort abholen, wo sie sind und nicht dort hinbringen, wo wir sie haben möchten. (ft)

 

 

Freitag, 26. Juni 2015

Chronik einer langen und erfolgreichen Geschichte

Die Pfadi Morgestärn feiert ihr 100-jähriges Jubiläum, die Maitlipfadi Zollikon wird 85 Jahre alt und der Altpfadi-Verband Zollikon freut sich über sein 70‐jähriges Bestehen. Anlass genug, eine Chronik zu verfassen. Betreut wurde mit dieser Aufgabe Hans Rudolf Landolt, Vorstandsmitglied des Altpfadi-Verbandes und langjähriges Pfadimitglied.

 

Was war für Sie die grösste Herausforderung beim Verfassen dieser umfangreichen Chronik?
Zuerst musste ich mir einen geistigen Tritt in den Hintern versetzen, das Versprechen einzuhalten, welches ich weinselig an einem Altpfadiabend gegeben hatte: ein Archiv aufzubauen und eine Chronik zu schreiben. Dann folgte das Finden eines Archivplatzes, das Suchen und Sammeln schriftlicher Quellen und das Interviewen von jungen bis ganz alten Pfadiführern und dann letztlich das Sichten und Niederschreiben dessen, was mir wichtig schien.

 

Was hat Sie erstaunt oder beeindruckt?
Dass während 100 Jahren immer wieder junge Leiter und Leiterinnen da waren, die sich für den Pfadigedanken ehrenamtlich voll einsetzen, um ihren noch jüngeren Kameraden etwas zu bieten. Und dass viele dieser Leiter im Erwachsenenleben sicher auch dank ihrer Pfadi-Erfahrung als Künstler, im Beruf und als Politiker Hervorragendes leisten.
Beeindruckt hat mich als Uraltpfadi die ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen den Maitli- und Buebepfadi. Nicht wie zu unserer Zeit, wo man eher herablassend von den sockenstrickenden Wegglipfadis sprach. Heute ist die Frauenquote beim Kader einiges über 50 Prozent und was sie leisten, ist phänomenal.

 

Welches waren Ihrer Meinung nach die grössten, tiefgreifendsten Veränderungen der Pfadi Zollikon?
Dies nicht nur in Zollikon: weg vom Militarismus, weg von Achtungsstellungen, hin zu einer lockeren, engagierten und naturbewussten Jugendbewegung. Aktuell nun die Sorge um Mitglieder. Zu unserer Zeit gab es neben der Pfadi wenig alternative Freizeitaktivitäten, vielleicht noch die Jugi des Turnvereins oder dass man zu Hause am Samstag den Eltern in Haus und Garten helfen musste. Heute können die Jugendlichen aus Hunderten von Vereinen in Sport, Kultur, Politik etc. aussuchen oder Nachmittage lang am Computer oder Smartphone sitzen. Wie kann man nun diese Jugendlichen begeistern, dass der Pfadigedanke mit all den vielen Möglichkeiten der Pfaditechnik die abenteuerlichste und umfassendste Jugendallgemeinbildung ist. Ich hoffe fest, es mag gelingen.

 

Seit wann sind Sie in der Pfadi aktiv?
Seit 1949. In der ersten Klasse schwärmte mein Pultnachbar von den lässigen Übungen im Wald und nahm mich in die Tulkas, die heutigen Wölfli, mit. Ich war begeistert und durchlief dann die klassische Pfadilaufbahn: Ab 1956 führte ich für zwei Jahre die Gruppe Eber im Zollikerberg, übernahm nachher die Bekleidungs-und Materialstelle und trat den Rovern bei. Meine aktive Pfadilaufbahn endete 1961 mit dem Eintritt in die Rekrutenschule. Nach einigen Jahren im Ausland trat ich nach meiner Rückkehr in die Schweiz dem Altpfadfinder-Verband APV bei. Seit zwei Jahren bin ich dort Vorstandsmitglied, das älteste von allen.

 

Was war Ihr eindrücklichstes Pfadi-Erlebnis?
Das waren sicher die Pfadilager. Das grösste Erlebnis war ein Pfingstlager mit den Seepfadi Glockenhof in Nuolen, Kanton Schwyz. Als Seebueb mit viel Erfahrung im und unter Wasser lernte ich dort, dass es auch auf dem Wasser wunderschön sein kann, wie so ein Segelschiff quasi ohne Wind einfach lautlos davonschwebt. Dank diesem Erlebnis kaufte ich Jahre später mit meinem ersparten Lohn eine alte Piraten-Jolle. Sukzessive wurden die Boote grösser. Wegen der guten Pfadiausbildung – Knoten, Morsen, Himmels- und Wetterkunde, Samariterwissen – waren dann die Segelscheine bis hin zum Hochsee-und Astroschein eigentliche Peanuts. Dieses Seepfadi-Pfingstlager ist sicher auch schuld, dass ich mich frühpensionieren liess und mit meiner Frau zehn Jahre lang mit dem eigenen Segelschiff, der Sea Fever, die blauen Wasser unsicher machte.

 

Was hat Ihnen die Pfadi persönlich fürs Leben gelernt, mitgegeben?
Die Pfadi gab mir die Grundlage für das Meistern der Probleme im späteren Leben, dank dem Fundament einer freien, abenteuerlichen Jugendzeit. Sie sensibilisierte mich und förderte die Haltung von Hilfsbereitschaft und Unterstützung Menschen gegenüber, die es im Leben nicht einfach haben. Diese Aufgabe konnte ich dann als Gründungsmitglied eines Zolliker Serviceclubs verwirklichen, wo viele der Mitglieder alte Zolliker Pfadis waren. Sie vermittelte mir die Freude an der Natur, wo ich immer auftanken konnte. Im Wald, auf den Bergen oder auf dem Wasser fand ich mich im Einklang mit der Schöpfung, viel mehr als in einer Kirche. (ft)

 

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Freitag, 26. Juni 2015

Der Vollblutpolitiker

Kurt Sintzel, 85, zog 1962 nach Zollikon und hat von Beginn an kaum eine Gemeindeversammlung verpasst. Immer schon hat es ihn interessiert, wie Konflikte zum Nutzen aller Parteien aus dem Weg geräumt werden und ein gutes Zusammenleben zustande kommt.

 

Bereits als Kind zur Zeit des Zweiten Weltkrieges war er ein interessierter Zeitungsleser und Radiohörer. «Ich wollte aus erster Hand wissen, was los war», erzählt er, «und habe auch stets versucht, die Kurzwellensender der Deutschen und Alliierten abzufangen!» Politik war ihm damals schon wichtig. Aufgewachsen ist er in Wollishofen in einer Familie, die durch ihre Verbundenheit mit der katholischen Kirche und ihrem Schicksal – seine Eltern, beide Schweizer, hatten sich bei der Arbeit in Rom kennengelernt – stets eng mit Italien verbunden war. Auch in der Schweiz arbeitete sein Vater für eine italienische Textilfirma, italienischsprechende Freunde gingen bei Sintzels ein und aus und auch die Ferien verbrachte die Familie regelmässig im italienischen Sprachbereich. Kurt Sintzel blieb davon nicht unberührt. Ganz selbstverständlich lernte er im Gymnasium Lateinisch und Griechisch und im Freifach Italienisch dazu, sodass er später als Anwalt oft italienischsprechende Kundschaft vertrat. «Mein Studium wählte ich im Ausschlussverfahren», sagt er und schmunzelt, «vieles schloss ich gleich aus, liebäugelte kurz mit dem Architekturstudium, und schon blieb nur noch die Juristerei übrig.» Das aber war eine gute Wahl. Hier fühlte er sich schnell heimisch, nicht nur in den Vorlesungen, auch in der Studentenvereinigung der Welfen.

 

Familienmensch und Lebemann

Dann, er war gerade 22, starb seine Mutter. Sein Vater hatte Multiple Sklerose, es galt, sich gegenseitig in der reduzierten Familie beizustehen. Ein paar Jahre lang fuhr Kurt Sintzel nun jeden Morgen erst Vater und Schwester ins Geschäft, bevor er selbst in der Uni auftauchte. Jeden Abend holte er den Vater wieder ab. «Wir hatten einen extrem starken Familienzusammenhalt», sagt er, «wir hatten es sehr gemütlich zusammen und halfen uns gegenseitig, wann immer wir konnten.»

Erst mit dreissig habe er sich deshalb ernsthaft nach einer Frau umgesehen, erzählt er, vorher sei er voll mit der Familie, dem Studium und der Studentenvereinigung beschäftigt gewesen. Das war wohl genau das Richtige für ihn. Denn mit dreissig, an der Hochzeit eines Freundes, funkte es zwischen seiner zukünftigen Frau Mirjam Arbenz und ihm so zünftig, dass die beiden selbst kaum zu warten vermochten. Schon bald läuteten dem Paar die Hochzeitsglocken der Zolliker Kirche, und sie zogen in die Einliegerwohnung in Mirjams Elternhaus an der Alten Landstrasse. 1962 war das – und rasch füllte sich das Haus mit fröhlichen Kinderstimmen. Innert acht Jahren kamen Christine, Anne-Käthi, Martina, Ursula und Stefan zur Welt.

Und genauso schnell ging es auch in die Politik. Neu nach Zollikon gezogen, hatte sich Kurt Sintzel gleich bei der ortsansässigen CVP gemeldet, bei der er sozusagen von Geburt her stets zuhause gewesen war. Es ging nicht lange, da wurde er angefragt, ob er sich nicht in den Gemeinderat wählen lassen wollte.

 

Wider Erwarten in den Gemeinderat

«Als Mirjam und ich dies besprachen», sagt er verschmitzt, «hatte sie gemeint, ich könne das gefahrlos tun, ich würde sowieso nicht gewählt. Doch dann war ich plötzlich der einzige valable Kandidat und sass auch schon in der obersten Gemeindebehörde.» Zwanzig Jahre blieb Kurt Sintzel seinem Amt treu, stellte erst dem Gesundheitswesen und später der Wohlfahrt seine juristischen Kenntnisse zur Verfügung. «Es war eine gute Zeit», sagt er, «wir waren ein gutes Team, sehr diskussionsfreudig und lösungsorientiert. Das Volk stand hinter uns und war bereit, grosszügig in die Gemeinde zu investieren. Wir konnten manchen Bau errichten und die damalige Ortsplanung endlich vollenden. Und zahlreiche schöne Feste haben wir miteinander gefeiert!»

Trotzdem habe er eigentlich nicht so lange im Gemeinderat bleiben wollen, doch die Jahre seien nur so verflogen und immer hätten gewisse Aufgaben eben die gerade aktuelle Amtsdauer überschritten. In seiner politischen Arbeit wurde er von seiner Familie gut unterstützt: Seine Frau hielt ihm den Rücken frei, half ihm im Büro, fand selber Freude an der Politik und engagierte sich später neben dem Präsidium des katholischen Frauenvereins auch in der Sozialbehörde.

 

Nachrücken in den Kantonsrat

Zusätzlich zum Amt des Gemeinderates konnte Kurt Sintzel im Herbst 1984 in den Kantonsrat nachrücken. Durch die damalige Änderung der Wahlkreise verlor er sein Mandat darauf erst rasch wieder, rückte aber ein Jahr später ein zweites Mal nach. Im Kantonsrat bestand seine Arbeit in seiner Mitwirkung in kantonsrätlichen Kommissionen, im Besonderen aber auch in seinem Engagement als Präsident der ersten Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) des Kantonsrates, die in Sachen Raphael Huber ermittelte.

Raphael Huber, damaliger Chef des Wirtschaftswesens, hatte sich zu der Zeit zu Unrecht von Wirten Zahlungen ausrichten lassen, wofür er strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen wurde. Aufgabe der PUK war es, zu ermitteln, warum die Sache in der Verwaltung nicht bereits viel früher aufgeflogen war. Auch nach seinem Rücktritt aus dem Kantonsrat liess sein Interesse an der Politik nicht nach. Noch heute ist Kurt Sintzel Zolliker Parteipräsident der CVP. «Ein Amt, das ich nun gerne bald abgeben möchte», sagt er, «auch wenn ich mich natürlich bis an mein Lebensende für unsere Gemeindepolitik interessieren werde.»

 

Witwer seit 1992

Hart schlug das Schicksal zu, als seine Frau Mirjam, jung noch, an Krebs erkrankte und ihn 1992 zum Witwer machte. Es war nicht einfach, das Leben plötzlich alleine meistern zu müssen, auch wenn ihn Kinder und Bürokollegen unterstützen, wo sie konnten. Zu seinem Glück ist er seit einigen Jahren wieder mit einer Partnerin liiert. Auch sie ist Witwe und wie er mit ihrer persönlichen Familie sehr verbunden. «Wir sind aber häufig zusammen, machen gemeinsame Reise und Ferien und erzählen uns gegenseitig unsere Sorgen, wie man es nur unter nahen Menschen tun kann.» Schweres und Leichtes, sagt er, habe ihm sein Leben gebracht, doch überwiege das Gute. Viele fröhliche Stunden habe er verbringen dürfen im Familienkreis aber auch – über alle Parteischranken hinweg – im Kreise von Politikern. Stets habe es ihm geholfen, gut zuzuhören, für alle Gedanken offen zu sein und dann unabhängig nach einvernehmlichen Lösungen zu suchen. Das sei ein Rezept, welches sich nicht nur für die Politik bewährt habe, sondern fürs Leben überhaupt. (db)

 

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Donnerstag, 25. Juni 2015

Motivation, nicht Förderung

Der bekannte Schweizer Kinderarzt Remo Largo hielt am Montagabend im Gemeindesaal einen Vortrag zum Thema «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht».

 

«Babyjahre», «Glückliche Scheidungskinder», «Lernen geht anders» – welche Eltern oder Pädagoginnen und Pädagogen kennen diese Longseller des Fachbuchautors nicht? Der volle Gemeindesaal widerspiegelte eindrücklich das Interesse an diesen Themen. Die wenigen anwesenden Männer wurden von Remo Largo speziell begrüsst, ehe er sein Referat eröffnete, in dem er auf den Titel seiner Veranstaltung hinwies. Er erklärte, dass dieses Zitat nicht aus seiner Feder stamme, er es aber gerne verwende, weil es so deutlich aufzeige, worum es ihm gehe: «Wir würden nie am Gras ziehen, damit es schneller wächst – bei den Kindern verhalten wir uns jedoch oft genau so!» Das Problem unserer Gesellschaft ist, dass wir meinen, die Kinder seien alle gleich. «Wir unternehmen unglaublich viel für diese Gleichmacherei», meint Remo Largo, «man kann es auch in einer Zahl ausdrücken: 400 Millionen Schweizer Franken werden allein im Kanton Zürich jährlich für die Sonderpädagogik ausgegeben.» Dieses Geld könnte man vielleicht besser brauchen, deshalb sei auch das Titelzitat so treffend. Ihm gehe es darum zu zeigen, dass man Kinder nicht fördern könne –weshalb versuchen wir jedoch genau dies trotzdem? Der Forscher stellte klar: «Wir müssen uns überlegen, ob Förderung nicht auch nachteilig ist.» Damit ging er dazu über, Auszüge aus der berühmten Zürcher Longitudinalstudie vorzustellen.

 

Die Gretchenfrage

Zwischen 800 und 1000 Kindern wurden seit 1954 untersucht, dabei wurden die Eltern bei der Geburt gefragt, ob sie mitmachen würden. Viele sagten ja – und blieben damit 20 Jahre dabei, bei mehr als 300 Familien dauerte die Teilnahme gar über zwei Generationen. Die Studie erfasste unterschiedliche Faktoren in der frühkindlichen Entwicklung. Sprache, Neuromotorik und Wachstum liessen sich gut messen. Das Sozialverhalten beispielsweise konnte jedoch nur rudimentär festgehalten werden, dazu fehlte schlicht die Methodik. Welch grosse Veränderung in der Sauberkeitserziehung mit dem Aufkommen der Wegwerfwindel ab 1960 stattfand, erklärte der Kinderarzt anhand von Diagrammen. In den 50-Jahren begann die Sauberkeitsentwicklung, damals gab es noch keine Waschmaschinen. Die Belastung für die Mütter war mit dem Windelwaschen sehr gross, die Kinder sollten so rasch als möglich trocken werden. Dann wurde die Wegwerfwindel erfunden, ein Durchbruch. Diese Erfindung hat das erzieherische Verhalten der Eltern grundlegend verändert. Heute beginnt die Sauberkeitserziehung der Eltern viel früher, aber mit welchem Ergebnis? In den 50-Jahren waren ein Drittel mit sechs Monaten, mit zwölf Monaten gar 96 Prozent aller untersuchten Kinder trocken. In den 70-Jahren hingegen war keines der Kinder mit sechs Monaten trocken. Insgesamt verschob sich das Trockenwerden der Kleinkinder um 14 Monate. Nun könne man sich die Gretchenfrage stellen und sich fragen, ob das frühere Beginnen mit der Sauberkeitserziehung etwas gebracht habe? Für Remo Largo ist klar, dass es überhaupt nichts gebracht hat – und er ergänzt: «Dies gilt nicht nur für die Sauberkeitserziehung, sondern auch fürs Lesen- oder Rechnenlernen.» Aufgabe der Eltern sei es nicht, ihr Kind frühzeitig zu trainieren, sondern das eigene Kind richtig zu lesen. Die Eltern sollen merken, wann das Kind selber bereit ist, trocken zu werden. Dies wird heute immer öfters verpasst. Die Eltern können das Kind unterstützen, zum Beispiel mit der Blasenkontrolle und die Eltern können Vorbild sein. Dies, indem beispielsweise die Türe zum WC offengelassen werde, damit das Kind realisiere, dass es nicht das einzige Wesen auf der Erde sei, das auf den Topf müsse. Die Kinder entwickelten Eigeninitiative und zeigten dies mit Mimik, Körperhaltung und Sprache. Aber auch mit einem Interesse für das Töpfchen und vor allem für das diesbezügliche Verhalten der Familienmitglieder. So werden Kleinkinder trocken. Die Dauer dieses Vorganges ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich, es nützt nichts, früher damit anzufangen oder das Kind zu drängen, das Kind wird dann trocken, wenn es selbst so weit ist.

 

Das Vorbild sozialisiert

Eines habe ihn immer wieder besonders fasziniert, erzählt der Fachbuchautor: «Beobachtet man die Kinder beim Spielen, so sieht man ein Abbild der Erziehung der Eltern. Sie ahmen die Eltern exakt nach.» Entscheidend bei der Erziehung ist das Verhalten der Erwachsenen. Der Erziehungsstil der Eltern entscheidet über das Selbstwertgefühl der Kinder. Traditionell und fremdbestimmt erzogene Kinder weisen meist ein sehr niedriges Selbstwertgefühl auf. Mit einer kindorientierten und selbstbestimmten Erziehung wird das Selbstwertgefühl gestärkt, die Kinder erhalten eine gute Selbstwirksamkeit. «Und das ist doch das, was wir alle wollen?,» fragt der Referent sein Publikum. Unsere Gesellschaft mache einen grossen Fehler, indem sie das Selbstwertgefühl der Kinder sehr oft von ihrer Leistung abhängig mache. Doch nicht die Leistung selber solle zählen, sondern der Weg dorthin. «Das ist eben die Krux von heute», erklärt er, der selber Vater von drei Töchtern und Grossvater ist, «wir meinen, wir müssten unseren Kindern alles beibringen – und uns das auch noch 400 Millionen kosten lassen. Fakt ist aber: Es nützt nichts!» Es sei ein verrücktes System, das heute vorherrsche. Es gibt inzwischen mehr Kinder, die Förder- und Stützmassnamen bekommen als Kinder, die keine Massnahmen erhalten.

 

Wie lernen Kinder?

Die Spiele der Kinder sind immer sinnvoll, jedes Spiel hat einen Sinn. «Wir Erwachsenen sind vielleicht einfach nicht in der Lage, den Sinn zu verstehen», schmunzelt Remo Largo. Wir haben eine Kultur entwickelt, die sich sehr weit von den Kindern entfernt hat. Aber wie lernen Kinder überhaupt? Man solle den Kinder Gelegenheit geben, so spielen zu können, wie sie es möchten. «Nehmen wir die Farben zum Beispiel. Wir meinen, wir müssten den Kindern die Farben mit den zugehörigen Namen beibringen. Aber das ist ein Irrtum, sie lernen nach ihrer eigenen Wahrnehmung – dies ist ja nicht nur im Kleinkind- oder Schulalter so, Lernen funktioniert zeit unseres Lebens so. Wir wollen das einfach nicht glauben und machen uns das Leben damit selbst schwer.» Die Entwicklungsaufgabe der Eltern ist, sich an der Individualität des Kindes zu orientieren. Die Eltern sollen das Verhalten des Kindes lesen, sich auf seine Bedürfnisse einstellen und das Kind in seinem Bestreben nach Selbstständigkeit unterstützen. Das Kind soll Erfolgserlebnisse haben, dies führt zu gutem Selbstwertgefühl. So kann es seine Stärken und seine eigenen Lernstrategien entwickeln. «Wir müssen die Kinder dort abholen, wo sie sind und nicht dort hinbringen, wo wir sie haben möchten. (ft)

 

 

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