Amtliches Publikationsorgan der Gemeinde Zollikon

Donnerstag, 17. Juli 2014

Das Wort Schizophrenie wurde in Zollikon erfunden

Gut hundert Jahre ist es her, seit der Zolliker Eugen Bleuler den Begriff Schizophrenie geprägt hat. Dafür ist er berühmt geworden. Noch viel verdienstvoller aber war sein starker Glaube, dass Schizophrenie eine heilbare Krankheit ist.

 

Donnerstagabend. Im ersten Stock des Ortsmuseums findet sich eine aufmerksame Zuhörerschaft ein. Ein Gespräch über das Thema Schizophrenie bildet den Abschluss der Veranstaltungsreihe innerhalb der Ausstellung «Eugen Bleuler (1857–1939) – ein Zolliker schreibt Psychiatriegeschichte».

Mirjam Bernegger, Leiterin des Ortsmuseum, hat dafür ein interdisziplinäres Podium zusammengestellt. «Bleuler hat den Begriff der Schizophrenie, der an diesem Abend im Mittelpunkt steht, 1908 geprägt», erläutert Moderator Daniel Frey. Das Wort, welches Bleuler der griechischen Sprache entnommen und zu einem Fachbegriff zusammengesetzt hatte, bedeutet abspalten(s’chizein) und Seele, Zwerchfell (phren). Unter diesen Oberbegriff stellte er all jene psychisch Kranken, deren Seele sich zeitweise auf mysteriöse Art von ihren Taten völlig abspaltete, und die für ihre Umwelt damit so unverständlich waren, dass sie als Irre in der Gesellschaft nicht tragbar waren. «Man kann sich das so vorstellen, dass ein an Schizophrenie Erkrankter beispielweise lächelnd eine sehr beängstigende Geschichte zu erzählen vermag», erklärt Psychiater Paul Hoff.

Bleulers grosse Leistung sei aber nicht nur die neue Namensgebung, sondern seine Grundhaltung den Patienten gegenüber gewesen. In einer Zeit, in der noch keinerlei medikamentöse Therapien zur Verfügung gestanden hätten und die Hirnforschung in den Kinderschuhen steckte, sei er sich sicher gewesen, dass Geisteskrankheiten heilbar seien.

 

Neue Sichtweise

Historikerin Brigitta Bernet unterstreicht diesen Sichtwechsel aus historischer Sicht. «Wurden früher Geisteskranke als vom Teufel besessen oder als Menschen schlechten Willens taxiert, begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Wahrnehmung. Plötzlich glaubte man an eine Heilungsmöglichkeit und an die Wirkung von Therapien.»

Das war mit Eugen Bleulers Verdienst. Der Sohn eines Zolliker Landwirtes hatte sich nach dem Studium der Medizin unter anderem deshalb für die Psychiatrie entschieden, weil seine Schwester psychisch erkrankt war. Sein Heilungsansatz war, das Umfeld der Patienten so zu gestalten, dass diese sich wohl fühlen und wieder Boden unter ihre Füssen bekommen konnten. Es war sein sozialpolitisches Anliegen, die Patienten möglichst wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Dazu versuchte er, den Alltag in der Anstalt mittels Arbeit zu gestalten. Er wollte keine Beschäftigungstherapie für seine Patienten, sondern für jeden die richtige Aufgabe. Für die einen war dies die Arbeit im eigenen Rebberg, in der eigenen Gärtnerei oder im Haushalt.

Andere fanden Ausdrucksmöglichkeiten in der Kunst. Malen konnte ihre seelische Not lindern. Kathrin Luchsinger, die als Kunsthistorikerin die Arbeit auf sich genommen hat, die Kunstwerke, welche in Schweizer Kliniken entstanden sind, zu inventarisieren, sagt dazu : «Was mich an solchen Werken immer wieder stark berührt, ist, dass in ihnen wirklich sehr schwierige Anliegen verhandelt, geformt und verarbeitet werden.»

Und Psychiater Paul Hoff ergänzt: «Schizophrenie ist eine sehr schwere Erkrankung. Es ist kaum vorstellbar, wie verloren sich die Erkrankten oft fühlen. Im Gegensatz zu den sogenannt Normalen, die ihre Rolle auf der Welt kennen und sich einordnen können, wissen Schizophrene oft nicht, weshalb sie hier sind, weshalb ihnen was passiert, sie hören innere Stimmen und leiden oft unter grossen Ängsten.»

 

Keine Frage der Dauer

Die Podiumszeit vergeht im Flug. Das Leid psychisch Kranker und ihrer Angehörigen bewegt. Die Frage nach der gesellschaftlichen Wahrnehmung, welche die Grenze zwischen Normal- und Irre-sein bestimmt, macht nachdenklich. Zu Beginn hatte Moderator Daniel Frey darauf aufmerksam gemacht, wie leichtsinnig zuweilen im Alltag Ausdrücke wie «du spinnst», oder «du bist reif fürs Burghölzli» gebraucht werden, zum Schluss erwähnt Paul Hoff eine neuere Untersuchung, die die neuen Schimpfwörter wie «Du Schizo» oder die Sprachwendung: «Du vertrittst ja eine völlig schizophrene Position» untersucht.

Das nachdenkliche Publikum stellt zum Schluss ein paar Fragen: Wie gross ist das Risiko, schizophren zu werden (ein Prozent, und das ist viel!), ist die Krankheit vererbbar (erhöhtes Risiko, doch keine Erbkrankheit), sind äussere Umstände Auslöser eines Krankheitsausbruchs (nur bedingt, doch oft während Zeiten eines Umbruchs oder einer Lebenskrise).

Dann schliesst die letzte Veranstaltung der erfolgreichen Ausstellung mit einem Apéro.

Im Parterre vermischen sich Zolliker und Fachpublikum und diskutieren bei einem Glas Wein weiter. (db)

 

Freitag, 18. Juli 2014

Drei Generationen unter einem Dach

Heute könnte sich Bettyna Mühlemann ein Leben anderswo kaum mehr vorstellen. Völlig auf ihren Mann angewiesen zu sein, machte der Ecuadorianerin in der ersten Zeit nach ihrem Umzug in die Schweiz aber etwas zu schaffen. Gemeinsam mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrer Mutter lebt sie seit Jahren im Zollikerberg. 

«Es war schon ein schwieriger Schritt, meine Familie, meine Freunde und meine Arbeit in Ecuador hinter mir zu lassen, um am anderen Ende der Welt mit meinem Mann eine eigene Familie zu gründen», erinnert sich Bettyna Mühlemann an ihre Anfangszeit vor zwanzig Jahren in der Schweiz. Mit einem Lachen ergänzt sie sofort: «Es war aber der beste Schritt, den ich gehen konnte.»  Kennen gelernt haben sich die beiden in Ecuador, wo sie beide für ein soziales Hilfswerk arbeiteten. Sie vor Ort in Ecuador, er von der Schweiz aus. Als Dolmetscher durfte er mit auf eine Besichtigung. Bettyna Mühlemann spricht von einer sehr speziellen Begegnung. Eine Verbundenheit sei von Anfang an da gewesen, gefunkt habe es aber erst Jahre später so richtig. Vier Jahre lang pflegten die beiden eine freundschaftliche Beziehung, in der sie sich oft schrieben Er lebte weiter in der Schweiz, sie in Ecuador. Auf einer Europareise besuchte Bettyna Mühlemann auch die Schweiz. Für beide war klar, dass sie sich unbedingt sehen wollten. Guido Mühlemann weilte zu dieser Zeit allerdings wegen der WM in Portugal. Bettyna Mühlemann reiste dann noch weiter nach Wien. Guido Mühlemann nahm kurzerhand den Weg auf sich, um sie an der schönen blauen Donau zu treffen. «Bei diesem Treffen habe ich mich dann endgültig in Guido verliebt. Der Funken ist bei uns beiden übergesprungen.»

Um sich in der Schweiz verständigen zu können, besuchte Bettyna Mühlemann bereits in Ecuador einen Deutschkurs und meldete sich auch hier in der Schweiz sofort für einen Intensivkurs an. «Am Anfang war es sehr schwierig für mich. Obwohl ich von Beginn weg herzlich und mit offenen Armen empfangen wurde, sowohl von der Familie meines Mannes wie auch vom restlichen Umfeld, in dem wir uns bewegten, war ich immer abhängig von meinem Mann – der Sprache wegen.» Für die Powerfrau aus Südamerika eine grosse Umstellung. Sie erinnert sich daran, dass Guido sie überall hin begleiten musste. Auch wenn sie nur kurz in der Apotheke etwas einkaufen oder sich beim Arzt untersuchen lassen musste. Gerne wäre sie sofort wieder ins Erwerbsleben eingestiegen. Sie hatte in ihrer Heimatstadt Quito studiert und war erfolgreich in ihrem Beruf als lizenzierte Wirtschaftsprüferin. Ohne vollständige Kenntnisse der deutschen Sprache fand sie aber keine gleichwertige Anstellung in der Schweiz. Als sie dann so weit war und die Sprache fliessend beherrschte, sagte man ihr, sie sei schon zu lange nicht mehr in der Branche tätig gewesen. Eine berufliche Abstufung war unumgänglich. Nach einiger Zeit bekam sie die Möglichkeit auf einer Bank zu arbeiten. In einer Stelle, in der sie auch die gewohnte Verantwortung übernehmen konnte. Das Schicksal hatte aber einen anderen Plan.

Familie vor Beruf

Ungefähr ein halbes Jahr nach ihrem Stellenantritt auf der Bank wurde Bettyna Mühlemann schwanger.  Bereits seit ihrem Umzug in die Schweiz wollten sie und ihr Mann eine Familie gründen. Fünf lange Jahre warteten sie vergeblich. Erst als der Kampf um eine angemessene berufliche Chance  gewonnen war, sollte es doch gelingen. Wenn der Zeitpunkt auch nicht geplant war, so gab es für Bettyna Mühlemann doch keine schönere Nachricht. «Ich danke Gott jeden Tag  dafür, dass er uns Lara geschenkt hat.» Ihre Tochter ist heute 14 Jahre alt. Immer war für Bettyna Mühlemann klar, dass Familie vor Beruf ging. So holte sie vor zehn  Jahren auch ihre Mutter zu sich. «Mein Mami habe ich aus verschiedenen Gründen hier her geholt. Einerseits, weil sie in Ecuador alleine lebte und sich im Notfall niemand um sie hätte kümmern können. Auf der anderen Seite sehe ich es als enormen Gewinn, dass meine Tochter den respektvollen Umgang mit den Eltern und der Grossmutter so von klein auf erlebte. So lernt sie automatisch die verschiedenen Ansichten der Generationen kennen und kann mit ihnen umgehen.» Für Bettyna Mühlemann ist die Familienpause inzwischen vorbei. In der Tagesschule Zollikerberg übernahm sie die Kinderbetreuung, eine Tätigkeit, die sie mit Freude erfüllt. Es sei sehr schön, mit den Kindern zu arbeiten und von ihrer positiven Art angesteckt zu werden. Seit etwas mehr als zwei Jahren hat sie ihr Arbeitspensum reduziert, um ihrem Mann in seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des schweizerischen Ablegers eines internationalen Hilfswerks zugunsten von Waisenkindern in Lateinamerika in administrativen Belangen unter die Arme zu greifen. (fh)

 

Das ganze Persönlich sowie ein Ecuadorianisches Rezept finden Sie in der aktuellen Ausgabe des «Zolliker Boten» vom 18. Juli 2014.

 

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Donnerstag, 17. Juli 2014

Das Wort Schizophrenie wurde in Zollikon erfunden

Gut hundert Jahre ist es her, seit der Zolliker Eugen Bleuler den Begriff Schizophrenie geprägt hat. Dafür ist er berühmt geworden. Noch viel verdienstvoller aber war sein starker Glaube, dass Schizophrenie eine heilbare Krankheit ist.

 

Donnerstagabend. Im ersten Stock des Ortsmuseums findet sich eine aufmerksame Zuhörerschaft ein. Ein Gespräch über das Thema Schizophrenie bildet den Abschluss der Veranstaltungsreihe innerhalb der Ausstellung «Eugen Bleuler (1857–1939) – ein Zolliker schreibt Psychiatriegeschichte».

Mirjam Bernegger, Leiterin des Ortsmuseum, hat dafür ein interdisziplinäres Podium zusammengestellt. «Bleuler hat den Begriff der Schizophrenie, der an diesem Abend im Mittelpunkt steht, 1908 geprägt», erläutert Moderator Daniel Frey. Das Wort, welches Bleuler der griechischen Sprache entnommen und zu einem Fachbegriff zusammengesetzt hatte, bedeutet abspalten(s’chizein) und Seele, Zwerchfell (phren). Unter diesen Oberbegriff stellte er all jene psychisch Kranken, deren Seele sich zeitweise auf mysteriöse Art von ihren Taten völlig abspaltete, und die für ihre Umwelt damit so unverständlich waren, dass sie als Irre in der Gesellschaft nicht tragbar waren. «Man kann sich das so vorstellen, dass ein an Schizophrenie Erkrankter beispielweise lächelnd eine sehr beängstigende Geschichte zu erzählen vermag», erklärt Psychiater Paul Hoff.

Bleulers grosse Leistung sei aber nicht nur die neue Namensgebung, sondern seine Grundhaltung den Patienten gegenüber gewesen. In einer Zeit, in der noch keinerlei medikamentöse Therapien zur Verfügung gestanden hätten und die Hirnforschung in den Kinderschuhen steckte, sei er sich sicher gewesen, dass Geisteskrankheiten heilbar seien.

 

Neue Sichtweise

Historikerin Brigitta Bernet unterstreicht diesen Sichtwechsel aus historischer Sicht. «Wurden früher Geisteskranke als vom Teufel besessen oder als Menschen schlechten Willens taxiert, begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Wahrnehmung. Plötzlich glaubte man an eine Heilungsmöglichkeit und an die Wirkung von Therapien.»

Das war mit Eugen Bleulers Verdienst. Der Sohn eines Zolliker Landwirtes hatte sich nach dem Studium der Medizin unter anderem deshalb für die Psychiatrie entschieden, weil seine Schwester psychisch erkrankt war. Sein Heilungsansatz war, das Umfeld der Patienten so zu gestalten, dass diese sich wohl fühlen und wieder Boden unter ihre Füssen bekommen konnten. Es war sein sozialpolitisches Anliegen, die Patienten möglichst wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Dazu versuchte er, den Alltag in der Anstalt mittels Arbeit zu gestalten. Er wollte keine Beschäftigungstherapie für seine Patienten, sondern für jeden die richtige Aufgabe. Für die einen war dies die Arbeit im eigenen Rebberg, in der eigenen Gärtnerei oder im Haushalt.

Andere fanden Ausdrucksmöglichkeiten in der Kunst. Malen konnte ihre seelische Not lindern. Kathrin Luchsinger, die als Kunsthistorikerin die Arbeit auf sich genommen hat, die Kunstwerke, welche in Schweizer Kliniken entstanden sind, zu inventarisieren, sagt dazu : «Was mich an solchen Werken immer wieder stark berührt, ist, dass in ihnen wirklich sehr schwierige Anliegen verhandelt, geformt und verarbeitet werden.»

Und Psychiater Paul Hoff ergänzt: «Schizophrenie ist eine sehr schwere Erkrankung. Es ist kaum vorstellbar, wie verloren sich die Erkrankten oft fühlen. Im Gegensatz zu den sogenannt Normalen, die ihre Rolle auf der Welt kennen und sich einordnen können, wissen Schizophrene oft nicht, weshalb sie hier sind, weshalb ihnen was passiert, sie hören innere Stimmen und leiden oft unter grossen Ängsten.»

 

Keine Frage der Dauer

Die Podiumszeit vergeht im Flug. Das Leid psychisch Kranker und ihrer Angehörigen bewegt. Die Frage nach der gesellschaftlichen Wahrnehmung, welche die Grenze zwischen Normal- und Irre-sein bestimmt, macht nachdenklich. Zu Beginn hatte Moderator Daniel Frey darauf aufmerksam gemacht, wie leichtsinnig zuweilen im Alltag Ausdrücke wie «du spinnst», oder «du bist reif fürs Burghölzli» gebraucht werden, zum Schluss erwähnt Paul Hoff eine neuere Untersuchung, die die neuen Schimpfwörter wie «Du Schizo» oder die Sprachwendung: «Du vertrittst ja eine völlig schizophrene Position» untersucht.

Das nachdenkliche Publikum stellt zum Schluss ein paar Fragen: Wie gross ist das Risiko, schizophren zu werden (ein Prozent, und das ist viel!), ist die Krankheit vererbbar (erhöhtes Risiko, doch keine Erbkrankheit), sind äussere Umstände Auslöser eines Krankheitsausbruchs (nur bedingt, doch oft während Zeiten eines Umbruchs oder einer Lebenskrise).

Dann schliesst die letzte Veranstaltung der erfolgreichen Ausstellung mit einem Apéro.

Im Parterre vermischen sich Zolliker und Fachpublikum und diskutieren bei einem Glas Wein weiter. (db)

 

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